Niklas Goldbach wohnte 2017 als Stipendiat in der Villa Aurora in Los Angeles. Die heutige Künstlerresidenz war von 1943 an das Domizil des aus Deutschland emigrierten Schriftstellers Lion Feuchtwanger und seiner Frau Marta. Etwa sechs Meilen entfernt von den Feuchtwangers hatte auch Thomas Mann mit seiner Familie Zuflucht vor den Nationalsozialisten gefunden. Im Jahr 1942 bezog er ein Haus, das er sich am 1550 San Remo Drive in Pacific Palisades von dem 1889 in Berlin geborenen jüdischen Architekten Julius Ralph Davidson hatte bauen lassen. In seinen Tagebüchern beschreibt Mann den Verlauf der Arbeiten, die Finanzierung, den Einzug, die Einrichtung, seine Empfindungen gegenüber der alten Heimat und dem neuen Heim: «In Deutschland selbst wurde das Mitleid zuerst abgeschafft», und: «Das schönste Anwesen, das wir je hatten, wird es gewiß.» Goldbach blendet Manns Texte über die zumeist kontemplativen Ansichten des von ihm mit ruhiger Kamera aufgenommenen, leerstehenden Hauses. Die Reflexionen des Autors erscheinen als Widerhall vergangenen Lebens auf der Folie einer stillen Architektur. Treppen, Fenster, Fassaden, Dachkonstellationen, Durchblicke, bröckelnder Putz – manches mutet in seiner Funktions- und Leblosigkeit gespenstisch und trist an.
Dagegen setzt Goldbach bewegtere Außenaufnahmen, Beobachtungen einer sich verselbstständigenden, fast wilden Vegetation. Hohe alte Bäume, Bananenstauden, Palmen, Efeu, das von Terrasse und Decken ungezähmt Besitz ergreift, dominieren das Terrain. Im gut 4000 qm großen parkartigen Garten taucht dann auch – in Poolnähe – ein Kunstwerk auf, das Goldbach trickreich täuschend ins Bild manipuliert, als handelte es sich um eine Skulptur. Tatsächlich aber sind die drei plastisch anmutenden nackten Jünglinge Gestalten aus Thomas Manns Lieblingsbild. Er kaufte das Gemälde Die Quelle 1914 vom Maler Ludwig von Hofmann und hängte es von da an immer in seinen Arbeitszimmern auf.
Die geschickt ausgewählten Texte Manns zeugen sowohl von seinem gesellschaftlichen als auch von seinem clandestinen Leben, intimen Empfindungen und privaten Empfindlichkeiten. Dass diese hellsichtigen Selbstbespiegelungen entlarvenden Charakter hatten, wusste er. Eine Auswahl: «Die erste Nacht im neuen Schlafzimmer unter der eigenen seidenen Decke gut verbracht.» «Konfusion und Verstimmung wegen der venetian blinds und der Vorhänge, die nicht zusammen gehen.» «Dachte viel über meine Abtrennung von Deutschland nach, über das Falsche, Schädliche und Kompromittierende des Tagebuch-Schreibens.» «Wundere mich vor Niedergeschlagenheit, dass ich bedeutende Werke hervorbrachte.» «Der Ludwig von Hoffmann über dem Kamin, Auch die blaue Vase hat sich wieder eingefunden.»
Kirsten Claudia Voigt: ARCHISTORIES – Architektur in der Kunst, Herausgeberin: Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Erschienen im Deutschen Kunstverlag