The World (2012 is a 13 minute long video filmed on 'The World Islands', an artificial archipelago of various small islands constructed in the rough shape of a world map, located 4.0 kilometres off the coast of Dubai, United Arab Emirates. Filmed in long shots and with only little movement, the video directly refers to themes of the German Romanticism: the significance of nature versus the insignificance of man as well as the contemplative seek for an emotional response to the natural world was often depicted with a human figure silhouetted against expansive landscapes in a diminished perspective. With Dubai's man-made landscapes of 'The World' sinking back into the sea, the video adds an additional meaning to the romantic idea of the "tragedy of landscape".
Text: Niklas Goldbach
The World (2012 ist ein 13-minütiges Video, gedreht auf den The World Islands – einem künstlichen Archipel vor Dubai, dessen Inseln in der groben Form einer Weltkarte angelegt sind, rund 4,0 Kilometer vor der Küste der Vereinigten Arabischen Emirate. Gefilmt mit langen, ruhigen Einstellungen und nur minimaler Bewegung, knüpft es direkt an Bildmotive der deutschen Romantik an: die Übermacht der Natur gegenüber der Bedeutungslosigkeit des Menschen, und die kontemplative Suche nach einer emotionalen Resonanz im Landschaftsraum – oft vermittelt durch kleine, silhouettierte Figuren vor einer expansiven Szenerie.
Aber in The World (2012) ist die Landschaft selbst die tragische Konstruktion, der romantische Pathos wird in die Gegenwart verschoben. Denn die unbebauten, künstlichen Inseln versinken allmählich wieder im Meer: eine Weltkarte aus Sand, die ihre eigene Vergänglichkeit vorführt.
Text: Niklas Goldbach
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[…] This ambivalent interrelation between utopia and dystopia underpins all of Niklas Goldbach's works – sometimes more, sometimes less visibly. The towers of utopia always have a dark underside: paradise and ruin relate to each other like the tower and its negative counterpart, the foundation pit. But at the same time, the latter always precedes the former: in order to build something, one must first excavate. At times, however, the architectural paradise machines never get beyond the status of a ruined building – as in the case of the artificial island archipelago The World in Dubai or the street grid of California City, which is still visible in the Mojave Desert. Goldbach is interested in all these different stages of architectural (and social) utopia and shares his morbid fascination for post- and pre-apocalyptic landscapes through his artworks. And we as viewers begin to suspect that beneath the surface of every paradise machine lurks the abysmal void of the excavation pit […].
Inke Arns, excerpt from The Paradise Machine – Of Towers and Foundation Pits in the Works of Niklas Goldbach.
Exhibition publication The Paradise Machine, HMKV Dortmund, 16.03.–01.09.2024
Diese ambivalente Wechselbeziehung zwischen Utopie und Dystopie ist in Niklas Goldbachs Arbeiten stets präsent – manchmal stärker, manchmal etwas weniger stark sichtbar. Dabei wohnt den Türmen der Utopie gewissermaßen von jeher eine düstere Kehrseite inne: Paradies und Ruine verhalten sich zueinander wie der Turm und seine negative Entsprechung, die Baugrube. Diese geht jedoch gleichzeitig dem Turm immer voraus – um etwas zu bauen, muss zunächst eine Baugrube ausgeschachtet werden. Manchmal kommen die architektonischen Paradiesmaschinen jedoch über den Status einer Bauruine nicht hinaus – wie im Fall des künstlichen Inselarchipels The World in Dubai oder des in der Mojave-Wüste noch sichtbaren Straßennetzes von California City. Niklas Goldbach interessiert sich für all diese verschiedenen Stadien architektonischer (und gesellschaftlicher) Utopien und lässt uns in seinen künstlerischen Arbeiten teilhaben an seiner durchaus morbiden Faszination für post- und präapokalyptische Landschaften. Und wir als Zuschauer*innen beginnen zu ahnen: Unter der Oberfläche jeder Paradiesmaschine lauert die gähnende Leere der Baugrube.
Inke Arns, Auszug aus Die Paradiesmaschine – Von Türmen und Baugruben in den Arbeiten von Niklas Goldbach. Ausstellungspublikation The Paradise Machine, HMKV Dortmund, 16.03.–01.09.2024
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Das Video The World (2012, 13:00 min, Loop) entstand auf der künstlich angelegten Insellandschaft „The World Islands" vor der Küste Dubais. Mit langen und gleichmäßigen Kameraeinstellungen und nur minimaler Bewegung wurde auf 13 der Inseln gefilmt. In der formalen Komposition weist die Arbeit direkte Bezüge zur Romantik auf. Die Größe der Natur steht der unbedeutsamen Rolle des Menschen gegenüber, die menschliche Silhouette ist in einer eindrücklichen Landschaft platziert. In der überzeichneten Darstellung der künstlich aufgeschütteten Inseln wird die Mensch-Natur-Relation jedoch auf ironische Weise ad absurdum geführt. Die unbewohnten Inseln, die aus der Luft betrachtet an eine Weltkarte erinnern sollen, versinken Stück für Stück durch Erosion im Meer. Der Protagonist schaut nahezu reglos zu und wartet machtlos auf den Niedergang des gescheiterten, absurden Bauprojekts.
Silke Wittig, Ausstellungskatalog Give us the Future - Stipendiatinnen und Stipendiaten des Arbeitsstipendiums Bildende Kunst des Berliner Senats 2013, Neuer Berliner Kunstverein n.b.k., 01.03.–20.04.2014
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[…] Niklas Goldbach's schweigende Klage gegen die Zensur in den Vereinigten Emiraten fokussiert den Willen des Menschen, sich die Natur zu unterwerfen. Das scheiternde Landgewinnungsprojekt „The World" vor Dubai driftet so vom romantischen in ein zynisches Bild […].
Aus: „Punk ist tot, es lebe die Konfrontation", Meike Jansen, taz die tageszeitung, 06.03.2014
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Niklas Goldbach beschreibt in seiner Videoarbeit The World von 2012 einen Ort, der der gängigen Vorstellung der einsamen Insel nahe kommt. Mit der Abweichung, dass die dort gestrandete Person nichts mitgebracht hat und auch immer noch in schwarzer Anzughose und weißem Hemd steckt, die Arbeitsuniform der Stadtmenschen. Vollkommen isoliert sitzt dieser ent-individualisierte Mensch scheinbar endlos an einem weißen Strand und blickt aufs Meer. Die einzige Unterbrechung der melancholischen Szenerie ist der Wechsel der Einstellung, der aber nur eine neue Perspektive auf die immer gleichbleibende Situation zeigt. Die unwirklich-romantische Stimmung der Videoarbeit findet sich in deren Zeitlosigkeit wieder. Der Faktor Zeit scheint für den Protagonisten keine Rolle mehr zu spielen; einzig die Wellenbewegung des Wassers, auf das er blickt, gibt noch einen Takt vor. Die zeitweise am Horizont aufscheinenden Hochhäuser konstituieren dabei mit den anderen Umständen des gezeigten Ortes, ein unbestimmtes Weltuntergangsgefühl. Dabei verweisen die Architekturen auf einen Innen- und Außenraum, der für Goldbach immer auch als sozialer und politischer Raum einer Gesellschaft und ihrer Bestandteile gedacht wird und in diesem Kontext gelesen werden muss. In ihrer futuristischen Gestalt erinnert die Skyline an frühere Arbeiten Goldbachs, wie Rise (2007) oder High-Rise (2008). Beides Arbeiten in deren Zentrum ein Wohngebäude steht, dessen Zustand und jetzige Nutzung in enger Verbindung mit dem Niedergang eines politischen Systems oder den Auswirkungen von gesellschaftlichen Umbrüchen steht. Der Künstler, der eine seiner Arbeiten einmal als „Dystopischer Tagtraum ohne Anspruch auf Realität" charakterisiert hat, verarbeitet inThe World (2012 auf fast ironische Art die Beziehung zwischen Mensch und Natur und verhandelt dabei die Frage, wer hier wem beim Untergang zusieht. Das Video wurde auf der Inselgruppe 'The World' gedreht, eine vor Dubai aufgeschüttete Sandfläche die von oben betrachtet versucht die Landfläche der Erde abzubilden. Das Prestigeprojekt sollte Luxusgrundstücke mitten im Meer schaffen, fiel allerdings der Finanzkrise zum Opfer und löst sich nun langsam auf.
Katharina Hofbeck, 31. Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest, Monitoring, Katalogtext 2014
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Goldbach markiert in seinen Fotografien und Videos Kipppunkte dieser neoliberalen Ferienkolonien von Utopie zu Dystopie. Er veranschaulicht die doppelte Buchführung mit der konfektionierter, kleinbürgerlicher Luxus auf Kosten von Umweltzerstörung und Ausbeutung anderer erkauft wird. Das neue Idyll des touristischen Sehnsuchtsortes lässt die Schrecken der Vergangenheit vergessen. In seiner Warenform ist es leicht konsumierbar. Je größer die Superlative, umso größer das spekulative Risiko des ökonomischen Scheiterns. Wohl eines der bekanntesten Beispiele für die spektakuläre Hybris kapitalistischer Naturbeherrschung ist The World, das künstliche Inselarchipel vor der Küste von Dubai. Dessen 300 Inseln in Form einer Weltkarte sind noch aus dem All sichtbar. Seit dem Baustopp 2007 versinkt der Archipel wieder im Meer. Goldbachs Video, das ebenfalls The World (2012) heißt, zeigt dies als romantische Landschaft – ein Chronotopos menschlicher Eitelkeit […].
Thorsten Schneider, Auszug aus: Ausstellungsbesprechung Niklas Goldbach The Paradise Machine, HMKV Dortmund, KUNSTFORUM International, Vol. 297, August 2024